SWS Studie

4.4 Kulturelle Dimension berücksichtigen und nutzen

Wird die kulturelle Dimension menschlichen Lebens und Zusammenlebens in der Gestaltung von Transformationsprozessen nicht berücksichtigt, kann dies zu Abwehr und Blockaden führen. Zugleich wird das große transformationsförderliche Potential nicht genutzt, das mit kulturell geprägten Sichtweisen, Weltzugängen, Menschenbildern, Wertorientierungen und Präferenzen verbunden sein kann.


Lebens- und Konsumstile verändern sich nicht selten in sogenannten „Nischen“. Sie spielen sich zunächst nur in bestimmten soziokulturellen Milieus und nur unter bestimmten Rahmenbedingungen ab und nehmen im Kleinen vorweg, was durch die sozial-ökologische Transformation gesamtgesellschaftlich erreicht werden soll. So haben Bio- und Fair-Trade-Produkte mittlerweile den Weg von einzelnen Privatinitiativen in die Regale der großen Supermarktketten gefunden, auch wenn längst noch nicht alle damit verbundenen Maßstäbe der Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit dort angekommen sind. In der Nische zeigt sich also, dass das Verlassen von Pfaden und Durchbrechen eingespielter Verhaltensroutinen unter bestimmten Bedingungen möglich ist und innovative Kraft entfalten kann. Die Idee des „Prosumers“ verweist darauf, dass in immer mehr Bereichen die Grenzen zwischen Produktion und Konsum zu verschwimmen beginnen. So kann es z.B. die Energiewende befördern, wenn eine wachsende Zahl von Haushalten Ökostrom nicht nur für den Eigenbedarf produziert.


Um die Erfahrungen „in der Nische“ für die gesamte Gesellschaft fruchtbar zu machen, müssen diese zunächst einmal sensibel wahrgenommen und analysiert werden: Warum sind diese „nischenhaften“ Veränderungen erfolgt, welche Faktoren haben sie begünstigt, welche Voraussetzungen waren nötig – und was lässt sich daraus lernen für die Gestaltung struktureller Ermöglichungs- und Anreizbedingungen, um diese über die Nische hinaus zu verbreiten? Wenn diese Erfahrungen umgesetzt und durch entsprechende Kommunikation auch für breitere Gesellschaftsschichten als attraktiv und nachahmenswert erkennbar werden, können aus der Nische heraus gesamtgesellschaftliche Veränderungen in Gang kommen.
Eine kluge Transformationspolitik folgt damit auch in kultureller Hinsicht dem bereits geschilderten Subsidiaritätsprinzip: Sie betont einerseits gemeinsame Zielperspektiven wie die Förderung eines suffizienteren Lebensstil und des Gemeinwohls, eröffnet aber gleichzeitig neue Räume und Nischen, damit die unterschiedlichen Traditionen und Wertvorstellungen allesamt zum notwendigen Kulturwandel beitragen können.

 

„So haben Bio- und Fair-Trade-Produkte mittlerweile den Weg von einzelnen Privatinitiativen in die Regale der großen Supermarktketten gefunden."

Diese tiefverwurzelten, aber eben nicht statisch-starren, sondern sich oft langsam verändernden kulturellen Traditionen tragen durch ihre Orientierungskraft maßgeblich zur Ausrichtung individuellen wie kollektiven Handelns bei. Sie entfalten eine starke motivationale Kraft, sich tatsächlich entsprechend dieser Ausrichtung zu verhalten, bieten einen tragenden Halt auch in Zeiten des Umbruchs und sollten daher immer dann, wenn sie mit den Zielen der sozial-ökologischen Transformation kompatibel sind, angesprochen und genutzt werden. Dies gilt auch für religiös und spirituell fundierte Einstellungen und Überzeugungen.


So gibt es in unterschiedlichen kulturellen Traditionen eine hohe Wertschätzung der Natur und der nicht-menschlichen Lebewesen, ein normativ gehaltvolles Wissen um die Verbundenheit alles Lebendigen, sowie Konzepte eines guten Lebens, das sich nicht in materieller Wohlstandssteigerung erschöpft: allesamt Einstellungen, die mit der Zielperspektive eines menschenwürdigen Lebens für alle innerhalb der planetaren Grenzen gut vereinbar sind. Hier gilt es, in einem interkulturellen Dialog, der Vielfalt und Unterschiedlichkeit respektiert, dasjenige zu erkunden, das die sozial-ökologische Transformation voranbringen kann.


Die genannte Vielfalt kultureller Überzeugungen, Einstellungen und Wirklichkeitszugänge ist eine Herausforderung, die aufgegriffen und als Chance genutzt werden muss: Die Diversität erleichtert es auch, in einer pluralen und unverkürzten Weise die komplexe Wirklichkeit angemessen wahrzunehmen, zu interpretieren und zu gestalten. Auch Papst Franziskus verweist auf den Wert kultureller Vielfalt angesichts der Komplexität der Herausforderung: „Wenn wir die Komplexität der ökologischen Krise (…)  berücksichtigen, müssten wir zugeben, dass die Lösungen nicht über einen einzigen Weg, die Wirklichkeit zu interpretieren und zu verwandeln, erreicht werden können. Es ist auch notwendig, auf die verschiedenen kulturellen Reichtümer der Völker, auf Kunst und Poesie, auf das innerliche Leben und auf die Spiritualität zurückzugreifen. Wenn wir wirklich eine Ökologie aufbauen wollen, die uns gestattet, all das zu sanieren, was wir zerstört haben, dann darf (…) keine Form der Weisheit beiseitegelassen werden.“ (LS 63)

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