Öko-soziale Gerechtigkeit in Zeiten der Krise - Debatten zur Umwelt- und Sozialethik in der Katholischen Kirche in Bayern

Auf dem Weg in die Zukunft

Fridays for Future und jetzt auch noch Churches for Future? Müssen wir als Kirche alle Trends mitgehen? Die Antwort ist klar: Nein, müssen wir nicht! Wir müssen nicht künstlich einen Ableger mit ähnlichem Namen schaffen, aber wir müssen uns mit den Inhalten auseinandersetzen – denn das, wofür die Jugendlichen bei den Fridays for Future auf die Straße gehen, ist ein ureigenes Thema des Christentums. Es geht um die Verantwortung für die Schöpfung und für eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen. Und da darf kein Christ mehr fragen, ob er mitmachen soll oder nicht!

 

Die aktuellen ökologischen Bewegungen und auch die großen Erfolge umweltpolitisch gut aufgestellter Parteien und Gruppierungen verhelfen dem christlichen Verständnis von Schöpfungsverantwortung zu einem ungeahnten Höhenflug. Nur ein kleines Wort, aber ein bedeutender Perspektivwechsel, weg vom bloßen Bewahren, hin zur aktiven Verantwortungsübernahme und Gestaltung. So lange es die Umweltbewegung gibt, sind Christinnen und Christen, Kirchenvertretungen aller Konfessionen hier ganz vorne dabei, auch wenn viele Menschen, gerade Fernstehende, das nicht wissen. Kirche ist ganz vorne dabei, wenn es um ökologische und faire Beschaffung geht – in den allermeisten kirchlichen Einrichtungen, vom kleinen katholischen Kindergarten bis zum großen Tagungshaus ist das inzwischen Standard. Kirche ist ganz vorne dabei, wenn es um nachhaltiges Bauen geht – der Leitfaden, den die Erzdiözese München und Freising dafür ausgearbeitet hat, wird inzwischen von der Bayerischen Architektenkammer als richtungsweisend in diesem Gebiet weiterverbreitet. Und Kirche ist ganz vorne dabei, wenn es darum geht, für Themen rund um Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Biodiversität zu sensibilisieren und Menschen dafür zu begeistern – in unseren Pfarrgemeinden, Verbänden und Akademien wird hier wertvolle Arbeit geleistet, dort werden wunderbare Projekte umgesetzt, vom plastikfreien Pfarrfest über Anregungen zur ökologischen Grabgestaltung, Fachtagungen und Podiumsdiskussionen, die Engagierte aus Politik, Kirche und Wissenschaft miteinander ins Gespräch bringen, bis hin zu liturgischen Angeboten, die die Schöpfung in den Mittelpunkt stellen. Das alles sind kleine Schritte, aber sie sind wichtige Mosaiksteine, wenn es darum geht, einen gesellschaftsweiten öko-sozialen Wandel einzuleiten, von dem alle Menschen profitieren. Wir wissen auch, dieses Thema ist viel zu groß, als dass es eine Organisation alleine bewältigen könnte. Wenn der öko-soziale Wandel gelingen soll, dann braucht es tragfähige Netze, sie sich quer durch die gesamte Gesellschaft spannen, Verantwortliche in der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und vor allem engagierte Bürgerinnen und Bürger, die am Ende den Unterschied machen werden. Oft ist in diesem Kontext zu hören, dass die Veränderung im Kleinen, beim jeweils Einzelnen beginnt. Das ist richtig und jeder ist gefragt, selbst aktiv zu werden und seinen persönlichen Beitrag zu leisten. Es wäre jedoch naiv und unverantwortlich zu glauben, dass mit der Veränderung des persönlichen Lebensstils alles schon getan sei. Die christlichen Parteien haben in der Vergangenheit immer wieder auf die Notwendigkeit zur Bewahrung der Schöpfung hingewiesen. Die Kommunen haben bereits viele Maßnahmen im Bereich des Umwelt- und Artenschutzes in die Wege geleitet – Hand in Hand mit Landschaftspflegeverbänden und vielen Haupt und Ehrenamtlichen in den Städten und Gemeinden. Darauf kann man stolz sein. Dennoch dürfen wir uns nicht auf dem bereits Geleisteten ausruhen. Die Verantwortung für die Schöpfung ist eine Gesellschaftsaufgabe, die nur mit der Hilfe eines jeden Einzelnen gelingen kann.

 

Die Politik muss der Wirtschaft und letztendlich der ganzen Gesellschaft gesetzliche Rahmen stecken, um den ökologischen und sozialen Herausforderungen gerecht zu werden. Dazu braucht es Mut und Ehrlichkeit. Es reicht nicht aus, die Klimapolitik nur als Anhängsel der Wirtschaftspolitik in Schönwetterperioden zu betrachten. Klimapolitik muss ins Zentrum wirtschaftlichen Handelns gerückt werden – national und weltweit. Gerade jetzt.

 

In Gaudium et spes heißt es, die Kirche müsse die Zeichen der Zeit erkennen, erforschen und im Licht des Evangeliums deuten (GS 4). Der Klimawandel ist ein solches Zeichen unserer Zeit, die Fridays for Future-Demonstrationen ebenfalls. Wollen die Kirchen glaubwürdig sein – oder etwas von ihrer verlorenen Glaubwürdigkeit zurückgewinnen – dürfen sie hier nicht die Rolle des stillen Mahners einnehmen. Wer den Auftrag Jesu Christi ernst nimmt, der darf zu diesen Themen nicht schweigen. Zudem liegt in der Bereitschaft zur Verantwortung für die Schöpfung eine riesige Chance für die christlichen Kirchen, auch Menschen zu erreichen, die ihnen – noch oder inzwischen – fernstehen.

 

"Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben. Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen."

(Gaudium et Spes 4)

Weg von der Versorgungsmentalität!

Soll dieser Wandel gelingen, dann muss ihm ein Mentalitätswandel vorangehen. Nicht nur, was die grundsätzliche Haltung gegenüber all diesen Dingen rund um Klimaschutz und Nachhaltigkeit betrifft, nicht nur, was das eigene Verhalten und seine kritische Selbstreflexion betrifft, sondern auch, was unser Verständnis von Gemeinde und Gemeinschaft betrifft. Vielerorts sind unsere Gemeinden – auch mehr als 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanum und 40 Jahre nach der Würzburger Synode – noch Gemeinden, die sich pastoral umsorgen und versorgen lassen. Wir müssen uns eingestehen, dass der so genannte Klerikalismus vielerorts „hausgemacht“ ist, weil Pfarrgemeinden nicht gelernt haben, für sich selbst zu sorgen und Verantwortung zu übernehmen. In der heutigen Zeit braucht es ein wachsendes Selbstbewusstsein, gerade der engagierten Laien, Pfarreien und Gemeinschaften lebendig zu halten.

Churches for Future – Future for Churches?

„Die Erwachsenen sagen immer, wir müssen den jungen Menschen Hoffnung machen, aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich möchte nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich möchte, dass ihr in Panik geratet. Ihr sollt die Angst spüren, die ich jeden Tag spüre. Und ich möchte, dass ihr handelt. Dass ihr so handelt wie in einer Krise. Ich möchte, dass ihr so handelt, als wenn unser Haus brennen würde. Denn es brennt bereits.“ Mit diesen Worten hat sich die schwedische Schülerin Greta Thunberg beim Weltwirtschaftsforum 2019 in Davos an die Topmanager und Spitzenpolitiker aus der ganzen Welt gerichtet. Was mit einer Einzelaktion dieser Schülerin vor dem schwedischen Parlament begann, entwickelte sich innerhalb weniger Monate zu einer weltweiten Bewegung: Fridays for Future. Getragen wird diese hauptsächlich von Schülerinnen und Schülern, die jeden Freitagvormittag auf die Straßen gehen und dafür eintreten, dass die Ziele des Pariser Klimaabkommens von 2015 eingehalten werden und somit auch die globale Erwärmung auf unter 1,5 °C begrenzt wird.

Hoffnung schenken – eine Kernkompetenz

Inzwischen haben sich Ableger wie zum Beispiel „scientists for future“ oder „parents for future“ gebildet, allerdings ohne die mediale Wirkung des Originals zu erreichen. In manchen kirchlichen Kreisen wird diskutiert, sich dieser Bewegung anzuschließen, entweder unter dem Namen „sundays for future“ oder „churches for future“. Kirchen für die Zukunft – schon in den Anfängen des Christentums stand die Zukunftsfrage ganz im Mittelpunkt. Das Ende der Zeit wurde erwartet. Das Reich Gottes hatte begonnen. Das hat das Zusammenleben bestimmt, die Welt sozial gemacht. Die Christen dieser Zeit hofften auf eine bessere Zukunft und die Wiederkehr von Jesus. Lange Zeit war es die „Kernkompetenz“ der Kirchen, den Menschen diese Hoffnung zu geben.

 

Heute hat man den Eindruck, den Kirchen ist diese Kompetenz abhandengekommen. Zu lange haben sie sich mit dem Machterhalt, mit Traditionen und Dogmen beschäftigt, so dass das Wesentliche der Frohen Botschaft dabei verschwand. Sie verloren den Blick auf die Zukunft der Menschen und der Schöpfung und dadurch vielleicht sogar die eigene Zukunft. Zukunftslose Kirchen in einer zukunftslosen Gesellschaft? Dies kann eigentlich niemand ernsthaft wollen.