Öko-soziale Gerechtigkeit in Zeiten der Krise - Debatten zur Umwelt- und Sozialethik in der Katholischen Kirche in Bayern

Vorwort

Was gerade vor sich geht, stellt uns vor die Dringlichkeit, in einer mutigen kulturellen Revolution voranzuschreiten – so formuliert es Papst Franziskus in seiner vielbeachteten Enzyklika Laudato si‘ (LS 114). Er meint in diesem Kontext den Klimawandel, die fortschreitende Rodung des Regenwaldes, die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen, die Ausbeutung vieler Menschen und das Wegschauen der anderen. Die Enzyklika macht deutlich: ökologische Fragen und soziale Gerechtigkeit gehören zusammen und müssen gemeinsam vorangebracht werden.

 

Vor dem Hintergrund der vergangenen Monate lässt sich diese Aussage jedoch noch einmal neu bewerten und deuten. Die Corona-Pandemie hat die Schwächen unseres Wirtschaftens und unseres Lebensstils gnadenlos aufgedeckt. Die Welt nach Corona darf nicht mehr dieselbe sein wie davor. Jetzt ist die Zeit, mutig die Chance für Veränderungen zu ergreifen und Prozesse für eine globale Transformation einzuleiten. Die wirtschaftlichen und coronabedingten Herausforderungen müssen auch als Chance zur Realisierung von Laudato si‘ gesehen werden.

 

Laudato si‘ ist schon heute die vermutlich am meisten rezipierte päpstliche Schrift überhaupt, vor allem auch außerhalb der Kirche, und sie gibt uns wichtige Hinweise, wie diese Transformation aussehen kann. Die Enzyklika ist im Jahr 2015, passend zur Klimakonferenz in Paris, erschienen. Das ist jetzt fünf Jahre her, eine gute Gelegenheit, um zurückzuschauen und gleichzeitig in die Zukunft zu blicken.

 

Als Christen glauben wir „an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde“. Und Gott, der Schöpfer des Universums, hat die Menschen im zweiten Schöpfungsbericht der Bibel beauftragt, den Garten, in den sie hineingesetzt sind, zu bewahren, zu pflegen und zu kultivieren (Gen 2,15). Von uns, die wir an einen Schöpfer-Gott glauben, ist es angesichts der „Zeichen der Zeit“ gefordert, mitzuwirken bei der Bewahrung und Gestaltung der Schöpfung. Fast schon täglich werden wir Zeugen – und immer häufiger auch selbst Betroffene – einer andauernden und sich verstärkenden ökologischen Krise. Papst Franziskus hat für seine Enzyklika den eindrucksvollen Untertitel „Über die Sorge um das gemeinsame Haus“ gewählt – nur wenn wir diese Sorge ernst nehmen und wenn wir die Erde wirklich als dieses gemeinsame Haus aller Menschen und Lebewesen sehen, können wir die nötigen Schritte in die richtige Richtung gehen.

 

2018 hat mit den Fridays for Future-Demonstrationen eine eindrückliche Bewegung begonnen. Junge Menschen gehen auf die Straße für eine nachhaltigere, (klima-)gerechtere Welt und eine (ihre!) lebenswerte Zukunft. Dieses Engagement ist wichtig und verdient Respekt. An der Stelle sei den jungen Menschen ausdrücklich für ihr Engagement gedankt!

 

Laudato si‘ und Fridays for Future – ein und dasselbe Ziel, müsste man meinen. Und gerade deshalb muss es erschüttern, dass junge Menschen diese Themen so gar nicht mehr bei Kirche verorten. Das hören wir von unseren engagierten Jugendlichen der BDKJ-Mitgliedsverbände, die sich selbst an den Fridays for Future-Demonstrationen oder Klimastreiks beteiligt haben und die dort immer wieder fragende und unverständliche Blicke ernten mussten – und das, obwohl Kirche doch schon so lange in diesem Feld aktiv ist, nicht erst seit Laudato si‘. Wenngleich das Thema im Sog der Enzyklika in den vergangenen Jahren einen enormen positiven Schub auch innerhalb der Kirche erfahren hat: Umweltabteilungen in den Ordinariaten wurden eingerichtet oder ausgebaut, es sind viele hilfreiche Publikationen zu den unterschiedlichsten Aspekten entstanden und in unseren Pfarreien ist langsam die Erkenntnis gewachsen, dass Klimaschutz und Nachhaltigkeit auch an der Basis beginnen und nicht „von oben“ gesteuert werden können. Die Verantwortung für die Schöpfung ist unser ureigener Auftrag als Christinnen und Christen. In diesem Kontext wollen wir auch ein klares „Ja“ für eine bäuerlichgeprägte, nachhaltige Landwirtschaft aussprechen.

 

Wir können stolz sein auf dieses vielfältige Engagement, das es in unseren Pfarrgemeinden, Verbänden und kirchlichen Einrichtungen bereits gibt – gleichzeitig dürfen wir aber auch nicht übersehen, dass es in vielen Bereichen noch „Luft nach oben“ gibt. Geschrieben worden ist schon viel dazu, gerade seit 2015. Daher geht es uns mit diesem Heft nicht so sehr um Grundlagentexte, theoretische Hintergründe oder wissenschaftliche Abhandlungen, auf diese verweisen wir an geeigneten Stellen. Ganz in der Tradition der früheren ProPraxis-Ausgaben geht es uns vielmehr darum, Mut zu machen und zu ermuntern, selbst aktiv zu werden, um mit konkreten Aktionen und Projekten den ökosozialen Wandel in der Gesellschaft voranzubringen – auch das ist ganz im Sinn von Laudato si‘. Das vorliegende Heft bietet konkrete Ansatzpunkte für die Arbeit in der Pfarrei vor Ort, Aktionsideen und liturgische Bausteine, alles im Kontext von Schöpfungsverantwortung und Nachhaltigkeit. Außerdem will es Impulse zur Vernetzung mit außerkirchlichen Akteuren, insbesondere Jugendlichen und jungen Erwachsenen, geben.

 

Denjenigen, die sich schon vor einiger Zeit auf diesen Weg gemacht haben, wollen wir neue Impulse geben, denen, die gerade erst starten, wollen wir Lust machen und die Notwendigkeit aufzeigen, den ersten Schritt zu einer „mutigen kulturellen Revolution“ zu wagen. Lassen Sie sich also inspirieren und gestalten Sie unsere Kirche und unsere Gesellschaft mit – ökologisch, sozial und fair!

 

Joachim Unterländer

Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern